Selbstverteidigung mal anders

Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen

„Die Hauptwaffe gegen Übergriffe ist nicht die hohe Kunst des Kampfsports, sondern die innere wie die äußere Haltung der bedrohten Person, sich vom Täter nicht in die Opferrolle drängen zu lassen! Das ist Selbstbehauptung und Selbstverteidigung!“ (Zitat: Rudi Rhode; Sozialwissenschaftler und Trainer für Konfliktbewältigung und Körpersprache)

Wenn wir hier von Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen sprechen, dann kommen wir nicht umhin sexualisierte Gewalt zu thematisieren. Dabei soll der Gewaltbereich der Beschaffungskriminalität nicht unberücksichtigt bleiben. Oft treffen beide Vergehen aufeinander, wie wir spätestens nach den Gewaltgeschehen in der Silvesternacht 2015*) in verschiedenen Städten Deutschlands erfahren mussten.

Ferner kommen wir nicht umhin zu reflektieren, wann ein Gewalteinsatz im Sinne von Selbstverteidigung nutzbringend ist und wie weit Gewaltfreiheit **), sprich Deeskalation, ein adäquates Mittel ist, um sich Handlungsfähigkeit und Wehrhaftigkeit zu sichern.

*) Anm.: Zu dem Phänomen der „Einkesselung“ aus der „Silvesternacht 2015“ haben wir in unserer darauf folgenden Antigewalttrainer-Ausbildung probate Möglichkeiten zu Interventionen und Selbstverteidigung entwickelt.

**) Diejenigen, die eilig sind, lesen die Episode „Deeskalation und Selbstverteidigung“ als Essenz am Ende dieses Blogs.

„Süße“, „Schlampe“, „Hure“ gehören noch zu den harmloseren Ausdrücken und der „gemäßigteren“ Anmache, die sich Mädchen und Frauen anhören und gefallen lassen müssen. Belästigungen in sexistischer Sprache finden täglich statt und zwar fast überall im öffentlichen Raum, wie auf Straßen und Plätzen, in U-Bahnen und in U-Bahnstationen, auf Parkplätzen und in Parkhäusern, in Badeanstalten, auf den Wegen zur Schule oder zur Arbeit. Auch in halböffentlichen Bereichen wie z.B. in Cafés und Kneipen, in Discos, auf Partys oder am Arbeitsplatz u.v.m. …

Beratungsstellen und Sozialarbeiter raten zu Anzeigen bei der Polizei. Das ist auch völlig richtig. Tatsächlich könnte das die männlichen Täter kurzzeitig abschrecken, denen selbst u. U. nicht bewusst ist, dass sie die Menschenwürde von Mädchen und Frauen extrem verletzen. Zugegeben ist hier ein Training für Männer angesagt.

Derartige Belästigungen sind ein radikaler Verstoß gegen die Menschenwürde. Schlimmstenfalls kommt es in der Folge zu körperlichen und gewaltvollen Übergriffen.

Aber was können Mädchen und Frauen selbst tun, um ihrer Opferrolle zu entkommen? Sollen sie sich in Kampfsporthaltungen und permanenter „innerer und äußerer Gegnerhaltung“, nach dem Motto „pass auf, mein Körper ist ein Waffenarsenal“ im öffentlichen Raum bewegen? So wird es an vielen minderwertigen Kampfsportschulen gelehrt und fälschlicherweise auch noch als Deeskalations- und Selbstverteidigungs-Training verkauft.

Stattdessen sollten sie sich für ein Wochenende zu einem Training für Selbstverteidigung, was von qualifizierten Antigewalt- und Deeskalationstrainern oder auch von der Polizei angeboten wird, anmelden. Hier können Selbstverteidigungs- und Deeskalationstechniken zu inneren und äußeren Haltung und entsprechendes, physisches körperliches Verhalten trainiert werden. Denn Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen beginnt nicht mit dem Nahkampf und den oft beschworenen Tritt in die E…

Unterscheidung von Selbstverteidigung und Kampfsport

Was unterscheidet ein Kampfsporttraining von einem Training für Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen?

Wie jegliche andere Sportarten sind Kampfsportarten auf Angriff ausgerichtet, was sich deutlich in der äußeren, körperlichen Grundhaltung zeigt. Beim Kampfsport geht es darum, dem Gegner überlegen sein zu müssen – sich Überlegenheit zu beweisen – und dies mit der inneren Haltung von Unbezwingbarkeit, wobei nicht selten Versehrtheit und Verletzungen in Kauf genommen werden. Das kann für sportliche Wettkämpfe motivierend wirken und Fitness und Freude bereiten, gehört aber nicht in ein Konzept für Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen.

Und wie Rudi Rhode, ein erfahrener Trainer für Konfliktbewältigung und Körpersprache, mit Richtigkeit sagt, ist „Angriff die schlechteste Verteidigung“. Dies gilt nicht nur für verbale Kommunikationsprozesse sondern erst recht bei drohenden körperlichen Auseinandersetzungen und Übergriffen. Selbstverständlich gibt es Schnittstellen, zum Beispiel, wenn ein Infight (Nahkampf) nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Dazu komme ich später noch in diesem Beitrag.

Die folgende Reflexion einer erfahrenen Karate-Kampfsportlerin, die auf einer Party in der Menschenmenge von einem unbekannten Kerl aufdringlich „angegrabscht“ wurde, macht den Unterschied von Kampfsport, mit der Haltung des Überlegenheitsdrangs, zu Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen nochmals deutlicher:

„Ich löste mich sofort von ihm und ging weg. Als ich aber zu Hause ankam, überkam mich ein Gefühl der Hilflosigkeit, in Verbindung mit Vorwürfen. Weil ich Karate mache, hätte ich ja mehr machen können als das, dachte ich mir. Das entsprach nicht meiner über Jahre angelernte Kampfhaltung. Ich fragte mich, warum ich im Training so selbstsicher wirke, aber in der Situation, als es wirklich darauf ankam, nichts anderes tun konnte, als „passiv“ wegzugehen.“

Die Enttäuschung der erfahrenen Kampfsportlerin liegt vermutlich darin, dass sie nicht fühlte, sondern dachte, wie sie hätte überlegen sein können. Sie wurde durch die Trainings so erzogen, in Gewaltsituationen hineinzugehen. Und dies gilt für alle Kampfsportarten, mit Ausnahme der Kampfkunst Tai Chi Chuan. Die innere wie die äußere Haltung im Kampfsport ist oft mit Stolz, Narzissmus und weiteren Ego-bezogenen Vorstellungen und Verhalten verbunden. Bei allem Respekt können diese Vorstellungen äußerst schädliche Konsequenzen im zivilen Kontakt nach sich ziehen, da sie zu eskalierenden Gewaltkrisen führen können.

Um einen Überlegenheitsdrang zu handhaben, trainieren wir bei ARA-COACHINGS in unseren Kursen für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen unterschiedliche Deeskalations- und Interventionstypen und erarbeiten uns dazu wirksame, innere wie äußere, energetische Grundhaltungen, um sich effektiv wehren zu können.

Die drei Fs: Fight, Flight or Freeze! 

„Bei Selbstverteidigung und Deeskalation heißt es in erster Linie körperlich unversehrt zu bleiben. Was gibt es Sichereres als einer Gefahrensituation aus dem Weg zu gehen? Nichts.“ (Zitat: Iain Abernethy – Experte für praktische Karate)

Wie können wir dann schwierige Gewaltsituationen lösen? Wie können wir unsere Angst nutzen – sie bestmöglich transformieren?

In einem Training für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen lernt man vordringlich, seine Wahrnehmung für die sich entfachende Bedrohungssituationen zu schärfen, was heißt, Frühwarnzeichen wahrzunehmen. Ferner sind Distanzen und Grenzen wahrzunehmen, sich diese Grenzen zu verschaffen und einzuhalten. Dazu gehört in erster Linie eine neutrale, entspannte jedoch stabile körperliche Grundhaltung, um sich einer Annäherung des Täters ohne großen Zeitverlust entziehen zu können – flüchten zu können. Dies gilt übrigens auch bei der Anwendung von Zivilcourage.

Das aktive, konsequente Weggehen ist gleichzusetzen mit Flucht (flight) und Flucht bedeutet Eigensicherung, um unversehrt zu bleiben. Eigensicherung und Hilfe holen steht an erster Stelle. Flucht ist eine emotional-intelligente Strategie und eine vernünftige und bewusste Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen.

Die hohe Kunst des Trainings für Deeskalation und  Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen.

„Täter sehen in ihrem Gegenüber keinen Menschen mehr, sondern ein Objekt. Somit bleibt es für das Opfer bis zum Letzten wichtig, so schrecklich sich das bei der Vorstellung einer realen Gewalttat auch anhört, den Täter als Menschen zu sehen und sich ihm als Mensch mitzuteilen.“ (Zitat: Achim Rackel)

Das obige Zitat spricht dafür, möglichst nicht das Gleiche zu machen wie der Täter. Es gilt hier die Person von seinem Verhalten zu trennen, bestenfalls eine geistige Trennung zwischen Mögen und Nicht-Mögen herzustellen. Wenn Sie den Täter als einen Feind sehen, dann machen Sie ihn zum Gegner und Sie strahlen dies unübersehbar aus. Beziehen Sie sich auf sein Verhalten und nicht auf seine Person, dann bleibt er für Sie kommunikativ erreichbar, um sich effektiv verteidigen zu können. Ein gewaltvoller Eingriff ist nur dann sinnvoll, wenn ich mir damit unmittelbar einen Weg zur Flucht ermöglichen kann.

Diese innere Haltung sowie die oben beschriebene äußere, körperliche Haltung sind unsere Basis zur Kunst für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen. Beginnend mit einer selbstbewussten äußeren, körperlichen Grundhaltung (Gestik, Mimik, Blickkontakt), die eindeutig keine Andeutung von Angriff zeigt, behalten wir das Ziel der Eigensicherung als erste Priorität vor Augen. Diese inneren wie äußeren Haltungen sind trainierbar und Bestandteil des Trainings Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen bei ARA-COACHINGS.

Sich selbst entschleunigen bei Selbstverteidigung anstatt gleich zuzuschlagen

Den meisten körperlichen Gewaltübergriffen geht ein Zeitablauf voran, indem das vermeintliche Opfer verbal wie non-verbal handlungsfähig bleiben kann. Bis es zum unausweichlichen, handgreiflichen Übergriff kommt, kann das bis zu 95 % der Gesamtzeit des Ablaufs ausmachen und diese Zeit ist mit begrenzenden Kommunikations- und Deeskalationstechniken gezielt nutzbar. Ausnahmen sind heimtückische Überfälle aus dem Hinterhalt, Affekthandlungen und sogenannte Black-Out-Übergriffe, in denen ein Nahkampf nicht mehr auszuschließen ist.

Bei der Umsetzung und Praxis von Selbstverteidigung und Deeskalation setzen wir weder auf Tugenden wie Unbezwingbarkeit noch auf Überlegen-sein-zu-wollen. Unbezwingbarkeit klingt wie Allmächtigkeit. Dieser Sichtweise ist aus einer Deeskalationshaltung nicht zuzustimmen. Verletzlichkeit zeigen zu können, kann durchaus als Kraft verstanden werden, insbesondere in nicht mehr ausweichbaren, lebensgefährlichen Situationen und die Sichtweise nicht-überlegen-sein-zu-müssen behält sich die Möglichkeit einer gewaltfreien Lösungsorientiertheit vor.

Allgemeine Selbstdisziplin ist uns bei der Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen eine unfragliche und notwendige Grundlage. Auf der Basis von Selbstreflexion bemühen wir uns um Selbstklärung (Selbsteinfühlung) und entschleunigen gleichzeitig den Ablauf. Im Folgenden legen wir uns unsere Agenda zurecht, um uns aufrichtig mitzuteilen. Während der Selbstmitteilung nehmen wir zu unserem Gegenüber (dem vermeintlichen Täter) beobachtend, aktiv Kontakt auf. Wir spiegeln uns dem Täter als Mensch wider und fühlen uns weiter in ihn und in die gesamte Situation ein. Mit dieser Einfühlung in unser Gegenüber und in die Situation bleiben wir selbst in schwierigen Situationen pro-aktiv – wir reden und führen. Mit aller Achtsamkeit in der Gegenwart zu sein und unserer genauen Beobachtung stellen wir fest, dass sich die Sachlage und vielleicht die Haltung unseres Gegenübers, wie auch immer, schon verändert hat. Diese Erkenntnis können wir ggfls. für einen äußeren Haltungswechsel und Handlungswechsel nutzen. Bestenfalls bedienen wir uns einer überraschenden, unerwarteten (paradoxen) Handlung,*) um uns die Flucht zu ermöglichen. Das gesamte Geschehen kann in Bruchteilen von Sekunden ablaufen.

Die drei genannten Alternativen, Selbstklärung – Selbstmitteilung – Einfühlung,  stehen der einzigen Möglichkeit, dem unmittelbaren, direkten Zuschlagen als Alternative gegenüber und sind fester Bestandteil unseres Trainings in Selbstverteigung für Mädchen und Frauen.

*) Beispiele der paradoxen Intervention zur Selbstverteidigung auf: https://youtu.be/eCnNW77uFEM

Statushaltungen zur Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen

Das Spiel auf der Statuswippe als Mittel zur Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen

Täter- und Opferhaltungen sind Statushaltungen

Mit dem Begriff Status ist hier nicht der allgemeine soziale Status, nach dem Motto: „Mein Haus, mein Boot, mein Auto“ gemeint.

Die Begriffe Hochstatus und Tiefstatus, wie wir sie benutzen, sind im allgemeinen Sprachgebrauch mit den Synonymen Dominanz (Hochstatus, Täterhaltung) bzw., Unterwürfigkeit (Tiefstatus, Opferhaltung) besetzt. Sie stammen aus der Schauspielkunst und sind durchaus für jeden erlernbar, um einer Persönlichkeitsentwicklung beizutragen.

Die Hochstatushaltung 

Potentielle Täter suchen das geringste Risiko und den kleinstmöglichen Widerstand, so wie ein Löwe sich in einer Herde das schwächste Tier sucht, um es zu reißen.

Davon ausgehend könnte man schließen, dass anzuraten wäre, eine innere wie äußere Hochstatushaltung (raumeinnehmend, Kampfstärke und Überlegenheit signalisierend) einzunehmen, wäre die Lösung. Diese Art von Interventionstypus, der sogenannte Kampftyp, kann unter bestimmten Voraussetzungen funktionieren, in dem er abschreckend wirkt (mein Körper ist ein Waffenarsenal). Diese Haltung als Rezeptur für Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen zu empfehlen, wäre allerdings eine sehr einfache Formel und u.U. äußerst fatal. Denn was ist, wenn das Gegenüber gleichfalls mit Hochstatus reagiert – möglicherweise eine Waffe zieht? Einer Eskalation wäre nicht auszuweichen.

Daraus schließen wir: Es gibt keine festgelegte Rezeptur und „Gebrauchsanweisung“ für Deeskalation. Bitte auf keinen Fall den Helden spielen!

Die Tiefstatushaltung

Die klassische Opferrolle bewegt sich grundsätzlich in einem Tiefstatus (sich kleinmachende äußere wie innere Haltung, sich anpassend, Blickkontakte meidend). Das Opfer erkennt die Überlegenheit des anderen an und sagt vielleicht „ich möchte keinen Streit“, oder „fass mich bitte nicht an, ich mag das nicht … ich habe Angst.“

Im Grunde sind Statusverhalten nicht statisch, sie bewegen sich wie auf einer Wippe. Sie sind in einem stetigen Bewegungsprozess und bewusst zur Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen einsetzbar.

Das Spiel auf der Statuswippe

Sinngemäß dem Axiom von Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht-kommunizieren“ könnte man sagen: „Man kann nicht nicht-auf-der-Statuswippe sein.“

Statusspiele sind in unserer Gesellschaft weitestgehend tabuisiert, wobei sie allerdings täglich zur Anwendung vorkommen, z.B. in Familien, in Schulen, am Arbeitsplatz um die Hackordnung klarzumachen. Selbst in Wartezimmern bei Ärzten streiten sich schon Patient*innen, wer wohl die schlimmere Krankheit hat, um einen Stuhl zum Sitzen zu ergattern.

Die Art, wie wir auf andere wirken, wird als Status bezeichnet. Dabei sind Hochstatus und Tiefstatus Konstrukte, die nicht zu bewerten sind. Das ist sehr wichtig zu wissen. Sie sind „nur“ Werkzeuge, die in unterschiedlichen Situationen bei der Selbstverteidgung für Mädchen und Frauen sinnvoll eingesetzt werden können, um Wirkung zu erzeugen. Viele Schauspieler nutzen diese Werkzeuge auf der Bühne.

Vier grundlegende Status-Beispiele sind:

Selbsterhöhung:

Stärke spielen (Überlegenheit), die nicht ist, und in den Vordergrund stellen. So tun als ob (klassisches Machoverhalten).

Selbstherabsetzung:

Die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten werden in den Vordergrund gestellt (gespielt).

Fremdherabsetzung:

Abwertende Bemerkungen und Äußerungen über eine andere Person. Beleidigungen, Verächtlichmachung, bis hin zu Gewalttaten.

Fremderhöhung:

Einer anderen Person werden besondere und bemerkenswerte Fähigkeiten zugeschrieben.

Bewusste Anwendung des Status bei Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen

Jeder Mensch kann die unterschiedlichen Tief- und Hochstatus-Haltungen einnehmen. Gut trainiert und wissend können wir uns das Spiel auf der Wippe zur Deeskalation und Selbstverteidigung sehr nützlich machen. Wichtig dabei ist, die Wirkung von Status zu kennen, ihn selbstbewusst einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen.

So kann man sich selbst erhöhen, quasi Überlegenheit spielen, immer mit dem klaren Ziel der Eigensicherung vor Augen, um sich aus der schwierigen Situation zu befreien und zu sichern. Eine andere Möglichkeit ist, sich spielend in einen Tiefstatus zu begeben (taktischer Tiefstatus). Man setzt sich selbst sozusagen künstlich herab (blufft), um sich dann spontan zu erhöhen und seine Selbstsicherung vorzunehmen.

Um das Gefühl der Fremdherabsetzung beim Täter auszulösen, könnte man sich z.B. selbst so hässlich machen und sich derartig ekelhaft oder verrückt verhalten, dass er von seinem Vorhaben ablässt.

Um den Status der Fremderhöhung auszulösen bedarf es einiger Vorstellungskraft, um den Täter glaubhaft von seinen, „überwältigenden“ Fähigkeiten zu überzeugen. Hierzu fällt mir das fantasievolle Spiel der Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf ein.

Um das Spiel auf der Wippe erfolgreich zu spielen, bedarf es ein Training, welches zu einer kraftvollen Selbstsicherheit und Selbstbewusstheit führt, um sich erfolgreich wehren zu können. Mit der Bewusstheit seines Status, unter Beibehaltung der kommunikativen Durchsetzungsfähigkeit und Beharrlichkeit, verschafft man sich Möglichkeiten zur Eigensicherung bzw. zur Flucht. Bestenfalls ist sogar eine Verbindung mit dem Aggressor möglich.

Dazu trainieren wir in den Trainings für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen bei ARA-COACHINGS unterschiedliche Deeskalations- und Interventionsvarianten in Rollenspielen und bedienen uns der Mittel und Technik des Improvisationstheater.

Wenn Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen zum Nahkampf (Infight) wird.

Nahkampf beginnt dann, wenn die persönliche, physische Distanz nicht mehr einzuhalten ist.

Wie sieht Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen bei Übergriffen mit physischem Widerstand aus?

Bei Übergriffen aus dem Hinterhalt, Affekthandlungen und sogenannten Black-Out-Übergriffen leisten wir dem Täter körperlich Widerstand durch schreien und treten, kratzen und beißen, durch gezielte, einfache Abwehr-Stöße und -Schläge, die jeder anwenden kann. Um Hemmschwellen kennenzulernen und diese zu durchbrechen, sind alle physischen Interventionshandlungen, wie Tritte, Stöße, Schläge, Schreie zur Abwehr mindestens einmal in dem geschützten Rahmen eines Kurses in Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen zu trainieren. Über die Zeit hinweg empfiehlt sich ein Refreshing der Übungen. Das gilt auch für Befreiungsgriffe, Schonungsgriffe bei Haare-ziehen und Würgegriffe oder den Tritt in die Genitalien. Für einen Nahkampf sind 3 bis 4 simple Schläge und Stöße ausreichend, um sich die Flucht zu ermöglichen. Bieten sich profanere Möglichkeiten wie, kräftige Bisse in die Wangen, Kratzen oder einen lauten Schrei ins Ohr anzubringen, dann sollte vorher sichergestellt sein, dass der Fluchtweg möglich ist. Denn erst zu beißen und dann zu überlegen wohin ich flüchte, bedeutet Zeitverlust und hätte u.U. gravierende Folgen.

Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen in ausweglosen Situationen und bei Lebensgefahr

Die geistige Trennung vom Verhalten des Täters zu seiner Person hört sich im Fall eines handfesten Übergriffes oder sogar bei einer Vergewaltigung fast unmenschlich an. Jedoch gilt es hier, möglichst den realen Tiefstatus zu vermeiden. So grausam und ekelig die Situation auch sein mag, ist es von Vorteil keine Schwäche zu zeigen, also nicht jammern, anflehen, bibbern etc.

Eine andere Möglichkeit ist, einen Tiefstatus bewusst zu wählen (zu spielen), den sogenannten taktischen Tiefstatus einzunehmen (Selbstherabsetzung s.o.), um den Gewaltakt des Täters zu entkräften, so dass er sich sicherer fühlt, um dann überraschend, schockierend und selbstbewusst im Hochstatus hand- und trittfest zu agieren. Dabei bitte nie das vorrangige  Ziel aus dem Auge verlieren, was bei Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen heißt: Sich befreien, schnell raus aus der Situation, flüchten und Hilfe holen, 110 wählen…

Um handlungsfähig zu bleiben ist es hier unabdingbar, voll im Augenblick, in der schwebenden Präsenz, zu sein und mit dem Atem und inneren Energie-Sätzen zu arbeiten. Diese Fähigkeit üben wir im Training für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen mit den formalen Achtsamkeitsübungen.

Im Falle völliger Unterlegenheit, z.B. wenn noch eine Waffe ins Spiel kommt, kann es lebenserhaltend sein, als letzte Handhabe dem Geschehen zuzustimmen, zu tun was der Täter verlangt. Das hört sich zwar grausam an, jedoch das Zustimmen und damit das Akzeptieren der Situation ist immerhin noch eine bewusste, pro-aktive Handlung. Als Opfer kann man so weiterhin Einfluss auf den Täter ausgeüben, was die innere Opferhaltung schmälert. Sich anzupassen ist nicht gleichzusetzen mit Resignation, Selbstaufgabe oder Märtyrertum, sondern hat mit aktiver Akzeptanz zu tun. Es ist eine bewusste Entscheidung und hilft Opfern bei der Verarbeitung möglicher Traumata, wenn sie ihr Handeln als aktiven Selbstschutz begreifen.

Das vorrangige Ziel der Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen ist Prävention.

Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention ist trainierbar

Das primäre Ziel beim Training für Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen bleibt nach wie vor die Eigensicherung und Unversehrtheit. Wenn man im Augenblick des Übergriffs, wie beim „Angrabschen“ im oben beschriebenen Fall, keine anderen Interventions-Möglichkeiten zur Verfügung hat, um den „Grabscher“ zur Räson zu bringen, dann ist Flucht das probate Mittel zur Eigensicherung. Flucht bedeutet in diesem Fall sekundäre Prävention. Gar nicht erst in die die Situation zu kommen/zu gehen ist primäre Prävention (ausgehend von sensibler Wahrnehmung, eigener Körperhaltung, Frühwarnzeichen und Bauchgefühl). Ist ein Übergriff unausweichlich geschehen, aus welchen Gründen auch immer, wird tertiäre Prävention (Schadensbegrenzung, Rehabilitation, Therapie, Strategien finden zur primären und sekundären Prävention) für das Opfer notwendig. Jede Art von Prävention setzt unausweichlich eine aktive Haltung voraus und ist fester Bestandteil im Training der Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen.

Wie ist Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen zu erlernen?

Eskalation ist etwas, das jeder von uns aus seiner Erfahrungswirklichkeit kennt.

Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen beschreibt hingegen verbale und non-verbale Kommunikationsprozesse, die Eskalation verhindern. Dies bedarf das Erlernen bzw. das Wiederbeleben (die emotionale Intelligenz ist in jedem Menschen vorhanden) der beschriebenen inneren und äußeren Haltungen. Dazu wird das Erlernen von unterschiedlichen systemischen Ansätzen und Methoden, die in Antigewalt-Trainer Ausbildungen oder in Kursen für Deeskalation und Selbstverteidigung trainiert werden, notwendig.

Wertschätzendes, kommunikatives Konfrontieren, als auch eine äußere deeskalative körperliche Haltung, hatte die Kampfsportlerin aus unserem obigen Beispiel vermutlich nicht parat, weil sie es nicht gelernt hat. Irgendwelche kampfsport-artigen Tritte oder Schläge hätten in der oben beschriebenen Situation u.U. zu einer unabwendbaren Eskalation geführt, denn sie konnte nicht wissen, was der Gegner sonst noch alles aus der Tasche hätte holen können. Durch ihre Flucht nach dem unliebsamen Übergriff blieb es auf beiden Seiten bei körperlicher Unversehrtheit, was das primäre Ziel seien sollte.

Das große Ziel von Deeskalation und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen ist, möglichst einvernehmlich und lösungsorientiert zu kommunizieren, um lebensbejahende Verhältnisse zu schaffen.

Hier einige Fakten und Zahlen zum Thema Vergewaltigung:

  • 60 Prozent aller Vergewaltigungen finden in der eigenen Wohnung statt.
  • 20 Prozent finden in halböffentlichen Bereichen statt (in Autos, auf Partys etc.).
  • Weitere 20 Prozent finden im öffentlichen Raum statt.
  • Über 80 Prozent aller Delikte sind Beziehungsdelikte (häusliche Gewalt).
  • In 17 Prozent der Fälle sind sich die Beteiligten fremd.
  • Lediglich 4 Prozent der Vergewaltigungen finden überfallartig statt.
  • Vergewaltigungen betreffen alle Altersgruppen, das höchste Opferrisiko ist bei Frauen im Alter zwischen 14 bis 20 Jahren.
  • Rund 80 Prozent der Täter sind wegen einer Gewalttat vorbestraft.
  • 60 Prozent der Frauen leisten dem Täter physisch Widerstand, oft mit Erfolg.
  • Schwere physische Verletzungen sind eher selten, mittel- und langfristige Traumatisierungen häufig. Tötungsdelikte in Folge einer Vergewaltigung sind äußerst selten.
  • Nur etwa 50 Prozent der vergewaltigten Frauen zeigen die Tat bis zum Folgetag an.
  • Immerhin 16 Prozent der angezeigten Vergewaltigungen führen zur Verurteilung des angezeigten Täters.

Täterprofile bei Vergewaltigungen

Die hier aufgezeigten Täterprofile stammen aus Untersuchungen des FBI. Im öffentlichen Bereich kommen vor allem Typ 1 und Typ 2 vor.

Typ 1: Der Machbestätigungsvergewaltiger (innerer Tiefstatus)

Er fühlt und versteht sich nicht als Typ Mann, den Frauen bevorzugen. Innen ist er unsicher und hat Zweifel an seiner Männlichkeit. Diese Unsicherheit versucht er zu kompensieren, in dem er Frauen zum Sex zwingt. Er sucht nach Bestätigung seiner Macht und bildet sich sogar ein, dass dem Opfer die Vergewaltigung Freude bereitet. Er entwickelt eine Beziehungsillusion.

Diese Skripte in seinem Kopf sind die Chance für die betroffene Frau sich selbst zu behaupten, insofern, dass sie dem Täter einen taktischen Tiefstatus vormacht, um sich dann stark (möglichst überraschend, schockierend) durchzusetzen und zu flüchten (Hilfe holen).

Typ 2: Der Machtbeanspruchungsvergewaltiger (innerer Hochstatus)

Er ist der klassische Machotyp ohne eingebildete Zweifel an seiner Männlichkeit. In seiner inneren Vorstellung trägt er die Vision, dass alleine seine Männlichkeit ihm recht dazu gibt, sich jede Frau zu nehmen, wann immer er will. Er ist ein völliger Machtmensch mit hoher Dominanz, welche sich in seiner äußeren Haltung allzu deutlich durch Lautsein und raumergreifende Gesten zeigt (Hochstatus). Er kann und möchte seine Autorität nicht verheimlichen. Sein gespielter Charme wirkt auffällig, sodass er als mächtig und aufdringlich wahrgenommen wird.

Typ 3: Vergeltungs- und Wutvergewaltiger

Dieser Typ Täter hat eine Abneigung gegen Frauen und möchte sich für eine eingebildete oder auch tatsächlich erlebte, selbst erfahrene  Gewalttat rächen. Er versteht Sex als Waffe und möchte seine Opfer damit bestrafen. Stark emotionalisiert setzt er das Opfer an die Stelle der Person, welche seine Gefühle, Aggression und Wut, bei ihm auslöste.

Typ 4: Der sadistische Vergewaltiger

Dieser Typ Täter kommt in der Realität sehr selten vor. Er ist eher der Geber für irgendwelche Horrorszenen in Filmen und Romanen. Er erhält seine Befriedigung dadurch, dass er seinem Opfer physischen oder emotionalen Schmerz zufügt.

Quellen: Ralf Bongartz; „Nutze deine Angst“; Fischer 2013; S.198 ff. Rudi Rhode; „Angriff ist die schlechteste Verteidigung“; Junfermann 2003; S. 14-25.

Selbstverteidigung und Deeskalation – Eine brillant gelungene Deeskalation geht vor Selbstverteidigung

Eine Episode aus dem Leben.

Terry war in den fünfziger Jahren einer der ersten Amerikaner, die die Kampfkunst Aikido in Japan studierten.

Eines Nachmittags fuhr er mit einem Vorortzug von Tokio nach Hause, als ein massiger, kampfeslüsterner, stark betrunkener und besudelter Arbeiter in den Zug einstieg. Der torkelnde Mann begann die Fahrgäste einzuschüchtern. Schimpfend und fluchend schlug er nach einer Frau, die ein Baby auf dem Arm trug. Andere Fahrgäste flüchteten daraufhin ans andere Ende des Wagons. Als der Betrunkene noch nach weiteren Fahrgästen schlug, die er verfehlte, packte er unter wütendem Gebrüll die Metallhaltestange in der Mitte des Wagens und versuchte diese aus der Verankerung zu reißen. Zu dem Zeitpunkt glaubte Terry, der täglich acht Stunden Aikido trainierte und in bester körperlicher Verfassung war, eingreifen zu müssen, damit niemand ernstlich verletzt wurde. In diesem Augenblick erinnerte er sich aber an die Worte seines Lehrers: „Aikido ist die Kunst der Versöhnung. Wer Lust zum Kämpfen hat, hat die Verbindung zum Universum zerrissen. Wenn du versuchst Menschen zu beherrschen, wirst du immer verlieren. Wir lernen, wie man einen Konflikt löst, nicht, wie man ihn eröffnet.“

Terry hatte sich sogar zu Beginn seiner Lektionen und Trainings gegenüber seinem Lehrer verpflichtet, nie einen Kampf vom Zaun zu brechen, sondern seine Kenntnisse in der Kampfkunst nur zur Verteidigung einzusetzen. Jetzt erschien es ihm als eine legitime Gelegenheit, seine Aikido-Künste in der Realität zu überprüfen. Also stand er langsam und bedächtig auf, während die anderen Fahrgäste wie erstarrt auf ihren Sitzen verharrten.

Als der Betrunkene ihn erblickte, brüllte er: „Oh, ein Ausländer! Dir werd‘ ich japanische Manieren beibringen!“ und schickte sich an, es mit Terry aufzunehmen.

Doch als der Betrunkene gerade im Begriff war es mit Terry aufzunehmen, stieß jemand einen ohrenbetäubenden, merkwürdig fröhlichen Schrei aus: „ Heeehh!“

Der Schrei klang so vergnügt, als habe jemand gerade einen lieben Freund entdeckt. Erstaunt drehte sich der betrunkene Mann um und erblickte ein kleines, gebeugtes japanisches Männlein, was wohl in den Siebzigern sein mochte und in einem Kimono dasaß. Der alte Mann strahlte den Betrunkenen erfreut an und winkte ihn mit einem flotten „Komm her“ zu sich.

Mit staksigen Schritten ging der Betrunkene auf den Alten zu und brüllte wütend: „Verdammt, was willst du? Wieso sollte ich mit dir reden.“

Terry stand unterdessen bereit, den Betrunkenen bei der geringsten gewalttätigen Regung niederzustrecken.

„Was hast du getrunken?“ fragte der alte Mann und strahlte den betrunkenen Arbeiter an. „Ich habe Sake getrunken, und das geht dich einen Dreck an“, brüllte der Betrunkene.

„Oh, das ist wunderbar, absolut wunderbar“, erwiderte der Alte in freundlicher Stimmlage. „Weißt du, ich liebe Sake. Meine Frau und ich, sie ist schon 76 musst du wissen, wärmen uns jeden Abend ein Fläschchen Sake auf und nehmen es mit in den Garten und setzen uns auf unsere alte Holzbank …“ und er erzählte von der Blütenpracht und dem Dattelbaum, den Schätzen seines Gartens und wie er den Sake genoss.

Das Gesicht des Arbeiters wurde allmählich sanfter und seine Fäuste öffneten sich, während er dem alten Mann lauschte. „Tja, ich liebe auch Dattelpflaumen“, sagte er, wobei sich seine Stimme verlor. „Ja“, sagte der alte Mann munter, „und du hast sicherlich auch eine tolle Frau.“

„Nein, meine Frau ist gestorben“, antwortete der Arbeiter und begann schluchzend seine traurige Geschichte zu erzählen … wie er seine Frau, sein Haus und seine Arbeit verlor und wie er sich schäme.

In diesem Augenblick fuhr der Zug in die Station ein, wo Terry aussteigen musste und er hörte noch, wie der alte Mann den Betrunkenen einlud mit ihm zu kommen und ihm alles zu erzählen. Als Terry sich beim Aussteigen nochmal umdrehte, sah er noch, wie sich der Betrunkene auf dem Sitz ausstreckte und seinen Kopf auf den Schoß des alten Mannes legte.

Quelle: Daniel Goleman; „Emotionale Intelligenz“; dtv 2001; S. 162-163

Achim Rackel

Trainer für Selbstverteidigung und Deeskalation

>> Zur Seminarbeschreibung: Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen