1. Gewalt auslösende innere Zustände, Gegenkräfte und historische Kräfte

2. Gewalt am Arbeitsplatz – Dominanzsystem vs. Partnerschaftssystem?

Gewalt am Arbeitsplatz

Foto Pixaby

„Stell dir vor es gibt kein Himmelreich … keine Hölle … keine Länder … nichts, wofür es sich lohnt zu töten und zu sterben … und auch keine Religionen … keinen Besitz … keinen Grund für Habgier und Hunger … eine Welt als Einheit … eine Menschheit in Brüderlichkeit …“
Song „Imagine“; John Lennon; 1971


„Lieber John. Wir haben schon viel erreicht. Und das träume ich nicht nur!“

Achim Rackel 2018

Konflikte und Alltag.

Es scheint, dass zu unserem Alltag Konflikte dazu gehören – zu unserem jeweiligen System dazu gehören. Konflikte, die „geschliffen“, das heißt, geklärt und gelöst werden möchten. Ob in der Familie, im beruflichen Umfeld oder im öffentlichen Leben – sobald es Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Interessenlagen gibt, sind wir mitten drin. Sachliche Diskussionen verlagern sich häufig genug auf eine emotionale, gewaltvolle Ebene und plötzlich ist eine zielführende Verhandlung nicht mehr möglich. Die Situation eskaliert unter Umständen bis zu einer handfesten Auseinandersetzung.

Sehen Sie Konflikte als eine Chance! Konfliktauslöser sind Selbsttäuschungen, die zu Gewalt führen.

Akute Konflikte sind immer eine Chance für alle Betroffenen mal genau auf die auslösende Situation zu schauen. Die Konfliktsituation, ob am Arbeitsplatz, privat oder im öffentlichen Leben, mit dem Tatsachenbewusstsein zu beleuchten, statt im Meinungsbewusstsein auszuharren („richtig oder falsch“), ist der erste Schritt die Chance zu nützen. Gewalt wie sie stattfindet, egal ob es sich um psychische oder physische Gewalt handelt, basiert auf Selbsttäuschungen, die unserem Meinungsbewusstsein entspringen und im Alltag selten bei sich selbst wahrgenommen werden.


1. Die fünf „inneren Dämonen“ der Gewalt – Gewollte oder ungewollte Selbsttäuschungen?!

Steven Pinker weist in seinem Standardwerk „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ (Fischerverlag, 1200 Seiten) auf fünf innere Dämonen hin. Damit sind fünf innere psychische Zustände gemeint, die Gewaltausübung begünstigen und aus Selbsttäuschungen Konflikte gewaltvoll eskalieren lassen. Dabei sind Aggression und Gewalt ein Produkt mehrerer psychologischer Mechanismen.

Diese fünf Zustände, die Gewalt begünstigen, benennt er folgendermaßen:

  • Dominanz und Herrschaftsstreben ist der Drang nach Autorität, Ansehen, Ruhm und Macht zwischen einzelnen Personen und zwischen Gruppen. Selbsttäuschung: „Geliebt zu werden, heißt herrschen…“
  • Raublust -räuberische oder ausbeuterische Gewalt ist die Anwendung von Gewalt als praktisches Mittel zum Zweck. (instrumentalisierte Gewalt). Selbsttäuschung: „Was dein ist, ist auch mein.“
  • Rache ist der Antrieb für das moralische Streben nach Vergeltung, Bestrafung und Gerechtigkeit.Selbsttäuschung: „Wie du mir, so ich dir.“
  • Sadismus ist Lust am Leiden anderer, z.B. Folter. Selbsttäuschung: „Schmerz und Leiden sind Genuss.“
  • Ideologie ist ein gemeinsames Glaubenssystem, das ggf. streben nach dem unendlich Guten auch durch unendliche Gewalt rechtfertigt. Selbsttäuschung: „Menschen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden … wenn nötig durch unendliche Gewalt – Anwendung.“

Die vier „besseren Engel“ – Gegenkräfte zu Gewalt

Damit sind Eigenschaften des Menschen gemeint, die den inneren Dämonen entgegenarbeiten. Menschen sind weder von Geburt an gut oder böse, aber sie sind von Anfang an mit Motiven ausgestattet, aufgrund derer sie sich weg von Gewalt, hin zu Kooperation und Selbstlosigkeit, orientieren können.

Die möglichen Gegenkräfte zu Gewalt bezeichnet S. Pinker wie folgt:

  • Empathie (Fürsorge-Mitgefühl-Einklang-Verbindung) veranlasst im Sinne mitfühlender Sorge, die Schmerzen anderer zu empfinden und ihre Interessen mit anderen in Einklang zu bringen.
  • Selbstbeherrschung (Impulskontrolle) ermöglicht es, die Folgen impulsiven Handels vorauszusehen und die Impulse entsprechend „im Zaum zu halten“.
  • Das Moralgefühl (Werturteil)schreibt ein System von Normen und Tabus fest, die über die (ggf. gewaltfreien) Wechselbeziehungen zwischen den Menschen in einer Kultur bestimmen.
  • Die Fähigkeit zur Vernunft (gewaltfreie Wege, die das Leben bereichern) versetzt in die Lage abzuleiten, auf welchen (gewaltfreien) Wegen es uns besser gehen könnte.

Fünf historische Kräfte, die Gewalt befrieden.

Die psychologischen und historischen Aspekte zusammengeführt.

  • (Demokratische) Staaten mit Gewaltmonopol disziplinieren und befrieden.
  • Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist ein Positivsummenspiel, in dem alle gewinnen und lebende Menschen wichtige Partner sind.
  • Durch den Prozess der Feminisierung, in dem Frauen mehr Macht erhalten, gehen machohafte Gewaltverherrlichung und -ausübung zurück.
  • Bildung, Reisen, Massenmedien und andere Kräfte des Weltbürgertums erweitern den Geltungsbereich des eigenen Mitgefühls.
  • Die zunehmende Rationalität bzw. Vernunft führt zu der Erkenntnis, dass Kreisläufe der Gewalt nutzlos sind, dass man die Bevorzugung der eigenen Interessen auf Kosten anderer am besten aufgibt.

Steven Pinker fasst dann zusammen: „Wenn man erkennt, dass die Gewalt zurückgeht, sieht die Welt plötzlich anders aus (…) Eine Wertschätzung für den Rückgang der Gewalt ist auch eine Bestätigung dafür, dass sich Bemühungen dazu lohnen. “Quelle: Steven Pinker; Fischerverlag; Seite 712 ff.


2. Gewalt am Arbeitsplatz. Dominanz- und Herrschaftsstreben.

Dominanzsystem (power over) vs. Partnerschaftssystem (power with)

„Manchmal hasse ich meinen Job. Mein Chef ist so ein Sklaventreiber! …Letztlich hatte er in einem Gespräch mit mir sogar Schaum vorm Mund.“ Zitat einer Klientin aus einem Coaching

Burnout-Phänomene scheinen zu einer weit verbreiteten Volkskrankheit zu werden. Wer hat noch nicht davon gehört!?

Seit 2013 sind Arbeitgeber verpflichtet, nicht nur physische Gefährdungen systematisch zu erfassen und zu minimieren, sondern auch psychische. Große Berufsgenossenschaften und Rückversicherer bieten hierzu u.a. (Deeskalations-) Förderprogramme an. Eine Statistik aus dem Gesundheitswesen besagt, dass 20% aller krankheitsbedingten Ausfälle auf Ursprünge durch Gewaltanwendungen zurückzuführen sind. (BGW-Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege)

Nicht selten liegt die Ursache auch da, wie die Arbeit organisiert ist und wie am Arbeitsplatz miteinander umgegangen wird. Demagogische Veränderungen, strukturelle Probleme, Arbeits- und Aufgabenbelastung und Unter- und Überforderung lösen Spannungen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften aus. Diese Spannungen wirken immens auf das Betriebsklima und die Gesundheit eines jeden Einzelnen bzw. auf das gesamte Team. Hier werden u.a. betriebliche, systemische Gefährdungsbeurteilungen (GbuPsych) notwendig. Dazu gehören Erhebungen in Bezug auf Arbeitsaufgaben und -inhalte, Eruierungen zu Abläufen in der Arbeitsorganisation und zu den sozialen Beziehungen und Bedingungen in der Arbeitsumgebung. Die gefundenen Ergebnisse sind der Startschuss für Veränderungen und werden in konkrete Handlungsschritte umgesetzt, die Nachhaltigkeit versprechen.

Gesundheit geht vor! Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz.

Prävention (Verhältnisprävention) von krankmachenden Faktoren ist in erster Linie Aufgabe des Arbeitgebers. Die Arbeitgeber sind nach dem Arbeitsschutzgesetz § 5 verpflichtet eine Gefährdungsbeurteilung (betrieblicher Gesundheitsschutz) der psychischen Belastung ihrer Mitarbeiter durchzuführen und notwendige Veränderungen von Strukturen zu veranlassen.

Zu einer Neuausrichtung der Strukturen dienen Seminare und Fortbildungen im Umgang mit Kommunikation und zur Bewältigung von Stress und Konflikten. Seminare zu Themen wie sich Mitarbeiter*innen konstruktives Feedback geben können, Coachings für Führungskräfte, Moderationstrainings, damit Teamsitzungen wieder Spaß machen oder Teambuildings um neue Kolleg*innen willkommen zu heißen und zu integrieren.

Auftretende Konflikte in Organisationen und Unternehmen geben Anhaltspunkte dafür, genauer auf psychische Belastungen zu schauen. Die Begleitung und Durchführung zu Gefährdungsanalysen in Betrieben ist somit eine Aufgabe für Kommunikationstrainer*innen und Mediator*innen, die den eigenen Blick auf die herrschenden Konflikte erweitern und somit Arbeitgeber und Arbeitnehmer unterstützen.

Andererseits kann jeder Einzelne einen präventiven Beitrag leisten (Verhaltensprävention), in dem er für sich sorgt und individuell an Fortbildungen teilnimmt.